There’s Gonna be Brighter Days – Autonome Politik in Berlin

übernommen von linksunten:

Ein Schwarzweiss Photo aus den Tagen nach dem Mord an Alexis. Eine Menschenmenge sammelt sich auf den Strassen Athens. Im Bildvordergrund gehen etwas unscharf zwei Jungen, 15, vielleicht 16 Jahre alt, durch die Menge. Sie haben ihre gemusterten Kapuzenpullis über den Kopf gezogen, ihre Gesichter werden von Tüchern verdeckt. Die meisten Demonstranten stehen in kleinen Gruppen zusammen, tauschen sich aus.

Während der Blick des Betrachters sich durch die Menge tastet, die in der Zusammensetzung ein typisches Abbild einer Demo von linken Gruppen in Griechenland ist, taucht eine Irritation auf, die sich nach und nach ausweitet.

Inmitten der Menge steht ein Mann, vielleicht Anfang, vielleicht Mitte 50. In den Händen hält er ein Blatt Papier, vermutlich ein Flugblatt, dass er gerade zusammenfaltet. Er trägt schlichte Kleidung, der man ansieht, dass er sie schon lange aufträgt. Sein Haar ist schon etwas licht und nach hinten gekämmt. Mit hochgezogenen Schultern und traurigem Blick steht er scheinbar verloren alleine in der Menge. Er ist einer jener Menschen, an denen unser Blick nie hängenbleibt, an denen wir alle im Alltag achtlos vorbeigehen, ohne ihre Existenz überhaupt wahrzunehmen.

Aber an jenem Abend ist er hier, mitten unter uns. Leistet uns Gesellschaft in unserem Schmerz, in unser Ohnmacht. Dieser Ohnmacht, die nie aufhört, auch wenn wir in diesen Tagen eine Bank nach der anderen niederbrennen.

Seine Traurigkeit scheint schon immer dagewesen zu sein, schon lange vor dem Tod von Alexis.
Wir können über die Gründe für diese abgrundtiefe Trauer in seinem Blick nur spekulieren. Vielleicht verlor er einst selber einen Sohn. Und der Mord an Alexis, der im Namen des Bestehenden verübt wurde, erinnerte ihn an das schreiende Unrecht, das jeder Tod eines nicht gelebten Lebens eines Kindes, eines jungen Menschen darstellt.

Vielleicht hatte er sich auch daran gewöhnt, mit diesen hochgezogenen durch das Leben zu gehen, um die Schläge besser abzufangen, die das Leben für Jene bereit hält, die nicht per Herkunft oder Fortune davon verschont werden. Vielleicht hatte er aber auch an diesem Abend beschlossen, diese Schläge nicht einfach nur weiter hinzunehmen und so stand er nun inmitten dieser Menge, noch ein Fremder.

Wie auch immer. Damit, dass er an diesem Abend da war, mit uns war, machte er uns ein wertvolles Geschenk. Unsere politische Praxis wurde zu einer sozialen Praxis. So wie Herstellung von Molotow Cocktails in diesen Tagen zum Alltagswissen der Schüler Griechenlands wurde, so war seine Trauer, die er mit uns teilte, eine Hoffnung, die erst eineinhalb Jahre später in den Flammen, die aus der Marfin Bank schlugen, unterging.

“Damit etwas kommt, muss etwas gehen. Die erste Gestalt der Hoffnung ist die Furcht.“


Zum Text Stärken und Schwächen autonomer Politik in Berlin


Wer in den letzten Monate die lokale Berichterstattung von Tagesspiegel und Morgenpost, den „Polizeiticker“ und linksunten aufmerksam verfolgt, kann eine enorme Zunahme der nächtlichen Aktivitäten diverser Kleingruppen feststellen. Besonders im Vorfeld des Bundesweiten Aktionstages gegen Repression im März in Berlin gab es diverse Aktionen mit teilweise erheblichen Sachschaden. Seitdem reisst die Kette von Angriffen scheinbar nicht mehr ab. Mehmals wurden Bullenwachen das Ziel von Angriffen, Akteure in der Umstrukturierung der Stadt wurden ebenso besucht wie Sponsoren der Fussball WM in Brasilien.

Auffällig ist die sehr zurückhaltene Berichterstattung in den Massenmedien über diese Aktionen. Keine grossen Hetzartikel in den Boulevardblättern, keine von den Bullen eingeflüsterten „Hintergrundartikel“ von Hasselmann und Co. über den „Terror der Autonomen“. Selbst die gezielten Angriffe auf Streifenbullen nach einer Aktion gegen einen Luxusneubau in der Kreuzberger Adalbertstrasse, bei der mehrere Bullen verletzt wurden, führten nur zu empörten Stellungnahmen von Politikern aus der dritten Reihe.
Lediglich die Auseinandersetzungen bei der Langen Nacht der Rigaer Strasse lösten etwas öffentliche Erregung aus. Auch wenn wir es für vermessen halten würden, diese mediale und politische Zurückhaltung als „Angst vor einer Vermassung“ zu interpretieren, halten wir dieses Phänomen nicht für einen Zufall.

Unser Dissenz zur Einschätzung der VerfasserInnen von „Stärken und Schwächen autonomer Politik in Berlin“ liegt jedoch darin, dass wir diese nächtliche Praxis auch als ein Eingeständnis des Scheiterns autonomer Politik und Praxis sehen.
Nicht erst seit den Geschehnissen rund um die Räumung des Camps der Refugees am Oranienplatz und der Belagerung der besetzten Schule in der Ohlauer offenbart sich das Scheitern des Versuchs „autonome Politik“ praktisch und politisch für mehr Menschen „anschlussfähig“ zu machen.

Die „Szene“ war weder in der Lage, eigene politische Perspektiven für den Fall die Räumung des Oarnienplatzes zu entwickeln, noch gelang es ihr am Abend des Räumungstages auf der Strasse eine Antwort zu geben. Obwohl sich trotz der schrecklichen Szenen am Tage mit Schlägereien zwischen den Refugees gegen 20:00 erstaunliche zweitausend Menschen am Kottbusser Tor einfanden, herrschte eine allgemeine Apathie. War es im letzten Jahr noch gelungen, mit zahlreichen Menschen mehrmals unangemeldet durch Kreuzberg zu ziehen und den Bullenapparat nervös zu machen, wurde hier nun über eine Stunde abgewartet, bis ein Politiker der LINKEN eine Demo angemeldet hatte. Ein Versuch am Heinrichplatz von der vorgebenen Route abzuweichen, konnte locker von einer überschaubaren Anzahl an Bullen abgewehrt werden, obwohl hunderte Schwarzgekleidete dem Führungstrupp der Bullen nicht mehr hinterhergelaufen war. In der Folge gab es dann zahlreiche brutale Angriffe gegen Menschenansammlungen, bei denen es etliche Verletzte und Festnahmen gab, an eine organisierte Gegenwehr war nicht ansatzweise zu denken.

Wer das traurige Geschehen an diesem Abend vielleicht noch auf die schockierenden Bilder vom Oranienplatz geschoben hatte, wurde spätestens bei der neuntägigen polizeilichen Belagerung in der Ohlauer eines besseren belehrt. Autonome Interventionen spielten bei dieser Inszenierung eines permanenten Ausnahmezustandes, die sogar international wahrgenommen wurde, praktisch keine Rolle. Anwohner und „Zivilgesellschaft“ versuchten mit Sitzblockaden ihre Solidarität mit den belagerten Besetzern auszudrücken, während sich die diversen Szeneklüngel in ohnmächtigen Rangeleien mit dem übermächtigen Bullenapparat aufrieben. An Aktionen, die den Bullenapparat außerhalb des engen Belagerungsringes in Trab hätten halten können, nahmen jeweils nur ein paar dutzend Leute teil. Und dies, obwohl das Beispiel der Aktionen in Neukölln am 26. Juni zeigte, wie weitverbreitet der Hass auf die Bullen bei den Ausgesteuerten der Wohlstandsgesellschaft ist.

Der Zustand der praktischen Organisierung jenseits der Kleingruppen ist in Berlin seit Jahren erbärmlich. Überdeckt wird dies mit der Mystifizierung einiger Events, bei denen die meisten eine konsumierenden Rolle eingenommen haben. Lediglich bei der 1. Mai Demo 2009 gab es eine massenhafte Militanz gegen den Bullenapparat. Sowohl die unangemeldete Demo zum 10. Jahrestag der Ermordung Carlo Giulianis als auch die Demo anlässlich des Bullenkongresses 2013 werden fast ausschliesslich über überhöhte Bilder bewertet. Bei der Carlo Demo gab es zwar einen gut organisierten Frontblock, hinter diesem liessen sich aber um die 800 Leute von ca. 30 Bullen mal ganz locker aufhalten, die späteren guten Aktionen in Kreuzberg kamen nur von einer vorbereiteten Minderheit, die Masse übte sich in Rumstehen und Gerufe.

Bei der Demo gegen den Bullenkongress 2013 hatten die Bullen weiter dazu gelernt. In taktischer Meisterleistung liessen sie erneut um die Tausend Leute sich sammeln, um dann das Ganze in nicht mal 10 Minuten völlig unter Kontrolle zu bekommen. Auch hier war nur der Frontblock in der Lage, dem massiven Bullenangriff ansatzweise etwas entgegen zu setzen, der Rest wurde von den perfekt aus den Bereitstellungsräumen nachrückenden Hundertschaften durch die Strassen gehetzt. Die späteren militanten Aktionen dürften auch wieder auf das Konto einiger weniger vorbereiteten Zusammenhänge gegangen sein.

Wenigsten ergab sich aus den Geschehnissen der Versuch, zum 1. Mai 2013 erstmalig seit Jahren wieder einen geschlossenen autonomen/anarchistischen Block zum 1. Mai zu organisieren. Diverse Aufrufe und Debattenbeiträge wurden im Vorfeld und in der Nachbereitung veröffentlicht. Allerdings war der Block selber genauso kurzlebig wie der Organisierungsprozess. Löste sich der Block aufgrund taktischer Gegebenheiten schon nach weniger als einem Drittel der Demo selber auf, so steht zeitdem als Versuch etwas Grösseres gemeinsam auf die Reihe zu bekommen, nur der desaströse 22.03. zur (immer noch ausstehenden) Debatte.

„Ich hab Angst vor dem Stillstand und Angst vor zuviel Bewegung, davor daß wir uns verlieren…“

Die Handlungsunfähigkeit auf der Strasse lediglich auf eine mangelnde Organisierung zurückzuführen, wäre aber viel zu kurz gegriffen. Auch handelt es sich nicht um ein spezielles Berliner Problem. Seit Jahren gibt es keine tiefgründigeren Debatten in der postautonomen Szene mehr. Die beiden letzten Versuche, einen bundesweiten Autonomen Kongress zu organisieren, sind grandios gescheitert. Geradezu sinnbildlich an genau den beiden Knackpunkten, die die derzeitige Lähmung ausmachen.

Auf der einen Seite eine narzisstische Nabelschau, die sich hinter einer politischen Correctness versteckt, weil sie nicht mehr willens und in der Lage ist, sich in den gesellschaftlichen Widersprüchen zu bewegen und stattdessen Glaubenbekenntnise abruft. Sektiererisch werden „Abweichler“ ausgegrenzt und den neu entstandenen Peergroups sind Bandenbildung und Lust an der Revolte ein Gräuel, weil sie Kontrollverlust fürchten.

Auf der anderen Seite gibt es praktisch kaum noch kollektive Zusammenhänge aus dem postautonomen Spektrum , die theoretisch arbeiten. Dies zeigte sich schon beim letzten Autonomen Kongress, als fast alle relevanten Beiträge von Einzelpersonen kamen, die auch alle nicht gerade die Jüngsten mehr sind. Und es setzt sich in der Situation in den einzelnen Städten fort.

Zum Bereich Migrationsbewegungen und Frontex gibt es aberhunderte willige „Unterstützer“, die sich aber lieber ausgiebig über Identität und Sprechort austauschen, als über die Zuammenhänge von sozialen Revolten in Nordafrika und europäischer „Flüchtlingsabwehr“. So müssen denn Analysen der Stadtguerilla aus den 80igern herhalten, wenn der Kern der Revolte in der Migration ansatzweise erfasst werden soll. Das die Welt aber fast 30 Jahre später eine andere ist, sagt viel über die traurigstimmende vorherschende Begriffslosigkeit aus.

Auch in der sozialen Konfliktualität der Umkämpften Stadt ist die Anzahl der Debattenbeiträge recht überschaubar. Der Text „2-Jahres Plan: Stadt übernehmen“ hat nun auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel, was seitdem zum Thema veröffentlicht worden ist, kommt über einen Aufguss nicht hinaus. In Berlin agiert die autonome Szene lediglich als militanter Arm einer organisierten Empörung, die Zahnlosigkeit von StadtVernetzt und der Dienstleistungscharakter von Zwangsräumungen Verhindern werden nicht grundsätzlich infrage gestellt.

Das zentrale Selbstverständnis Autonomer Politik, sowohl in der italienischen Ursprünglichkeit, als auch in der deutschen Adaption, war es Räume aufzumachen, in der die soziale Konfliktualität einen antagonistischen Ort finden konnten. Die Besetzungen von Häusern und die Intervention in den Stadtteilen und den Fabriken sollten keine Freiräume jenseits der gesellschaftlichen Ordnung schaffen, sondern Orte der Zirkulation von Ideen, Vorschlägen und Praxen zur unversöhnlichen Bekämpfung des Bestehenden sein.

Es gibt mittlerweile ein vorherrschendes grundlegendes Missverständnis, dass in der Zuspitzung in der Formierung einer Interventionistischen Linken gipfelt, diese umfasst nicht nur ihre Namensvetterin IL, sondern ebenso ihre ursprüngliche Antithese des UmsGanze, mit der sie sich rund um blockupy wiedervereinigt, und verästelt sich in den diversen Netzwerken der undogmatischen Linken: Die Revolte bedarf nicht der Misssionierung.

Dies zeigte sich in den historischen Erfahrungen der Lehrlings-Schüler-und-Treber Bewegung der 70iger als auch in der Hausbesetzerbewegung der 80iger. Es ist nicht nötig, sich des Aufstandes eines ganzen Stadtteils 1987 zu vergegenwärtigen, um das Faszinosum des Bedürfnisses der grundsätzlichen Aufhebung des Bestehenden zu begreifen.

Auch die Entwicklung Ende letzten Jahres in Hamburg zeigte auf, dass eine unglaubliche Dynamik entstehen kann, wenn identitäre Politikmuster durchbrochen werden und eine soziale Konfliktualität mit einer direkten Intervention beantwortet wird, die die notwendigen Räume öffnet. Sie zeigt aber auch, was passiert, wenn es im Kampfzyklus keine Reflexion und Selbstvergewisserung gibt.

„Weißt du jetzt, dass du frei bist? Weißt du jetzt, wer du bist? Weißt du jetzt, was du tun willst?“

Zarathustra stieg nach 10 Jahren vom Hügel und wurde verlacht und verhöhnt und wir sagen: Unsere Reihen sind gelichtet, auch unser Gegner verhöhnt und verlacht uns und auch wir werden nicht um die drei Verwandlungen umhinkommen, denn unsere Ohnmacht bringt uns um.

Einige Jahre nach der Ermordung von Alexis wurden ein paar junge Männer von den Sondereinheiten der griechischen Bullen festgenommen und auf das brutalste misshandelt, weil sie versucht hatten, die Nächte in Brand zu setzen. Einige waren seine Freunde gewesen. Wir wissen um den bewussten Nilismus, wir wissen um die Ninjas der Nacht in Exarcheia. Wir hören zu und versuchen zu verstehen. Nicht mehr und nicht weniger. Weil wir die Hoffnung haben, dass da eine neue, andere Melodie erklingt.

Wir sagen nicht, dass das der Weg ist. Alleine, weil wir hier ganz andere Bedingungen vorfinden. Wir sagen aber, das uns die ewig gleichen Satzbausteine anöden, dass alle Bemühungen mit immer Mehr vom immer Gleichem zu Nichts führen werden. So wie es sinnlos war, an immer der gleichen Stelle die Bullen am Parlament in Athen zu attackieren, so einfallslos waren grosse Teile der antagonistischen Bewegung in Griechenland in ihrer politischen Begrifflichkeit, als Hunderttausende auf den Strassen waren.

Uns hier wird der nächste Event, wie die Aktionen gegen die Eröffnung der neuen EZB, der losgelöst von einer konkreten sozialen Konfliktualität vom Bewegungsmanagement vorangetrieben wird, keinen Schritt weiterbringen. Es stehen die Fragen im Raum, wer denn unsere eigentlichen Gefährten im Kampf sind und wie wir aus unser Isolierung herauskommen.
Eine neue Bewegung kann mensch nicht herbei-theoretisieren-oder-organisieren. Sich einzugestehen, dass es eben keine solche gibt, anstatt jegliche Kampagnenbündelung als solche zu postulieren, wäre aber schon ein erster Schritt. Manches berüht uns tief in uns drin, es macht Sinn darauf zu hören. Deshalb war der Dezember in Griechenland für uns alle so nahe, deshalb waren wir alle im Dezember in Hamburg. Vieles erschien nach diesen Tagen möglich, dass und warum unsere Hoffnungen zerschellt sind, sollte unser Thema sein.

Vielleicht wird der kommende Aufstand Kind eines bewussten Nihilsmus sein, in der kybernetischen Zurichtung der Welt scheint nur eine komplette Verneinung, deren Form erst noch geboren werden muss, dem Empire ein Ende setzen zu können.

„Wir stehen auf der Seite des Gattungslebens, unsere Feinde auf der dunklen Seite des Todes. Aber das Leben wird sie zermalmen.“

Autonome aus Berlin