Unruhen in Barcelona

Mehrtägige Unruhen nach Räumung von Can Vies (17 Jahre besetzt) in Barcelona

Seid Montag, 26/05/2014 dauern die Ausschreitungen in Barcelona an, als Reaktion auf die Räumung des seit 17 Jahren besetzten Hauses „Can Vies“ im Stadtteil Sants. Am Montag Morgen wurde das besetzte und autonom organisierte Sozialzentrum auf Anordnung der Regierung in Barcelona durch die katalanischen Bullen geräumt. Rechtlicher Besitzer_in und somit ebenso verantwortlich für die Räumung ist die TMB (öffentliche Verkehrsmittel von Barcelona), die nicht zuletzt durch einen enormen finanziellen Aufwand (u.a. eine Horde Anwält_innen), für die Zerstörung eines weiteren kollektiven Raumes gesorgt hat.

Can Vies wurde 1997 besetzt

und ist seitdem ein Ort der Selbstorganisierung, kollektiver Lebensweise sowie Treffpunkt für Menschen mit verschiedensten politischen Einstellungen und unterschiedlichster Generation. Das Haus war in der Nachbarschaft gut vernetzt und somit auch Treffpunkt verschiedenster sozialer Bewegungen. Can Vies erlangte während ihres langen Wiederstandes gegen die Räumung immer mehr Unterstützung im eigenen Stadtteil und darüber hinaus. Die Räumung bedeutet nicht nur den Verlust eines kollektiv organisierten Raumes für Veranstaltungen und Verlust des Wohnraums für einige Menschen, sondern knüpft an, an die (Räumungs)-Politik der letzten Jahre, in der immer klarer wurde, dass solche selbstorganisierten Räume, Orte des Widerstands, erwünscht sind.

Die Räumung selbst dauerte 6 Stunden, u.a. weil Bewohner_innen des Hauses im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Haus verbunden waren. Genauer gesagt haben sich die Bewohner_innen bzw. Unterstützer_innen im Boden und in den Wänden angekettet (aller Anti AKW-Pyramide), eingemauert (nahezu) und sich auf dem Dach eines Turms so angekettet und mit Zäunen abgesichert, dass dieser nicht von den Seiten erreichbar war (leider war es mittels Hebekram doch erreichbar). Unmittelbar nach der Räumung wurde mit dem Abriss des Gebäudes begonnen – was eine gängige Taktik in Barcelona ist, um erneute Besetzungen zu verhindern. Gleichzeitig zeigten Tausende ihre Solidarität und blockierten in unmittelbarer Umgebung mehrere Hauptstraßen sowie kleinere Nebenstraßen mit Transparenten und Müllcontainern und zeigten den katalanischen Bullen lautstark was sie von ihnen halten. Weiterhin drückten viele Nachbar_innen ihre Solidarität durch Lärm mittels Kochutensilien aus.

Um 20 Uhr wurde zu einer großen Solidemo aufgerufen, woraufhin ein paar Tausend laut und kraftvoll durch die Straßen zogen und ihre Wut über die Räumung auch an Banken und Handyläden ausließen. Es wurden Barris aus Müllcontainern gebaut, ein TV-Wagen wurde entglast und angezündet und Bullenautos verjagt. Die Riotcops führen daraufhin mit ihren Wagen mitten durch die Demo, um die Masse zu spalten und es begannen die ersten Jagdszenen auf Protestierende. Diese ließen sich jedoch nicht einschüchtern, sondern fanden sich immer wieder zu kleineren Protestmärschen zusammen oder errichteten u.a. brennende Barris. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Riotcops und Demonstrant_innen. Die Bulllen setzten dabei Schockgranaten und Gummigeschosse ein. Eine weitere Repressions-Taktik war das plötzliche rausspringen aus ihren Wannen und wahlloses losprügeln in die Menge oder auf einzeln herumstehende Personen. Das ganze ging meist ohne Festnahmen von statten.

Am Ende gab es an diesem Abend nur zwei Festnahmen. Noch zu erwähnen ist, dass im Laufe des Tages die Bullen versucht haben in die Räume der linken Zeitung La Directa zu gelangen. Dies konnte jedoch verhindert werden, jedoch leider nicht ohne Verletzte und zerbrochene Scheiben.
Am ersten Tag war zu erkennen, dass sich der Widerstand nicht auf einen kleinen Kreis von Sympathisant_innen beschränkte, sondern sich generations- und bewegungsübergreifend Leute an den Protesten beteiligten. Es sollte sich zeigen, dass dies nur ein Anfang war und es sich nicht nur auf andere Viertel in Barcelona verteilen wird, sondern auch über andere Regionen in Katalonien und Spanien hinaus gehen wird.

Tag 2

Anstatt einzuschlafen verstärkte sich der Protest am zweiten Tag und griff immer mehr auf andere Stadtviertel über. So wurden in mehreren Stadteilen Banken entglast, Barris gebaut und angezündet und Straßen blockiert. Weiterhin wurde der Bagger, der bereits die Hälfte des Hauses abgerissen hatte und noch in den Ruinen stand, angezündet und brannte lichterloh vor sich hin. Bis weit in die Nacht kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen und Einsätzen aufgrund von brennenden Barrikaden in der Stadt. Die Zeitungen sprechen von sechs Festnahmen am zweiten Tag, wobei mit Sicherheit nicht alle erfasst wurden bzw. sämtliche Identitätsfeststellungen nicht dazugezählt wurden.

Neben Sants gab es alleine in Barcelona 9 weitere Orte an denen zu Protesten aufgerufen wurden. Dazu gesellten sich knapp 30 Orte/ Dörfer/ Städte in denen es zu Solidaritätsbekundungen, Versammlungen und Aktionen kam (u.a. Valencia, Gamonal, Palma de Mallorca u.v.m.).

Tag 3

Das es auch am 3. Tag bzw. in der Nacht in Barcelona zu Protesten, Solidaritätsbekundungen und Unruhen kam, zeigt, dass Can Vies mehr als nur ein Haus war. Auch beschränken sich die Aktivitäten nicht nur auf Sants oder auf Barcelona, sondern sind im ganzen Land zu sehen. In Barcelona selbst versammelten sich erneut am frühen Abend in mehreren Vierteln Menschen, um gegen die Räumung zu demonstrieren. Eine große Sammelstelle war der Plaza Sants, keine 500 Meter entfernt von der Ruine der Can Vies. Es versammelten sich rund 300 Personen, die ihren Unmut mit Sprechchören und Küchengeräte-Lärm ausdrückten. An über 6 anderen Punkten in Barcelona sammelten sich Menschen, um gemeinsam Richtung Plaza Sants zu gehen. Auf dem Weg dorthin wurden mindestens 8 Regierungsgebäude mit Farbe verschönert, 2 dreispurige Straßen durch Barris blockiert und ein Kleinbus der TMB angezündet. Als alle am Plaza Sants angekommen waren setzten sich die inzwischen 7000 Menschen als Demozug in Richtung des Bezirksrathauses in Bewegung. Diese Demo wurde von den Bullen als illegal bezeichnet, was dazu führte, dass die Bullen die Demo an mehreren Stellen angriff, um diese aufzulösen. Die Leute werhrten sich mit Böllern, Rauchbomben und bauten Barrikaden aus Müllcontainern. Die Menge löste sich auf und es kam noch zu einigen Scharmützeln bzw. brennenden Barrikaden in Sants. Die Polizei setzte neben Gummigeschossen auch Zivis auf Motorädern ohne Nummernschilder ein, die sowohl Leute verhafteten, als auch einfach nur wegprügelten. Die Nachbar_innen zeigten auch hier wieder deutlich auf welcher Seite sie stehen, indem sie den Polizeieinsatz durch viel Lärm erschwerten. Insgesamt wurden 28 Menschen festgenommen und einige zahlreiche Personen verletzt. So kam es auch wieder zu einer Augenverletzung aufgrund von Gummigeschossen, die glücklicherweise diesmal nicht, wie u.a. während des Generalstreiks 2011, zum Verlust der Sehkraft führte.

Schließlich sei noch eine Soliaktion aus Terrassa erwähnt, bei der das Büro der CDC durch einen brennenden Container beschädigt und entglast wurde. (CDC, Teil der CIU=aktuelle Regierungspartei in Katalunien)

Auch in der vierten Nacht seit der Räumung reist die Protestwelle nicht ab. Der Abend des 29. Mai begann um 9 Uhr mit einer Cassolada (Cassolada ist ein Lärmprotest, in dem man beispielsweise auf Töpfe schlägt) am Placa del Sants und den umliegenden Balkonen. Abgeschlossen wurde die Cassolada mit einer Rede, in der das Can Vies-Kollektiv eine Erklärung vorlas, in dem die Absetzung des Bürgermeister Xavier Trias und Stadtteilbürgermeisters Jordi Martí, die sofortige Einstellung der Abrissarbeiten, die Freilassung aller, die in den vergangenen vier Tagen festgenommen wurden, die Beendigung der polizeilichen Belagerung des Viertels und einen umfassenden Stopp aller Räumungen von Wohnungen und Sozialen Zentren gefordert werden.
Anschließend zog eine Demonstration mit rund 2500 Leuten Richtung des Komissariats von Les Corts wo nachwievor 18 Festgenommene festgehalten wurden. Doch noch bevor die Demonstration aus Sants hinauskam kam es bereits wieder zu Auseinandersetzungen. Es wurden wieder Barrikaden errichtet und teilweise angezündet, Banken entglast, Inventar der Stadt und insbesondere der städtischen Verkehrbetriebe (die „Eigentümer_in“ des Can Vies ist) zerstört und es gab immer wieder direkte Auseinandersetzungen mit der Polizei, welche die Protestierenden ständig mit Gummigeschosssalven eindeckten.

Am heutigen Freitag gehen die Proteste weiter. Heute Vormittag ist eine Pressekonferenz des Can Vies-Kollektivs und eine Kundgebung für die Freilassung aller Verhafteten geplant und um 9Uhr abends wird es wieder eine Cassolada am Placa del Sants geben. Für den abend ist nun auch eine größere Solidaritätsdemonstration in Madrid geplant. Weitaus interessanter dürfte hingegen der Samstag werden. Für 10Uhr vormittags wird nach Sants zur Placa Pelleria, zum Wiederaufbau des Can Vies, mobilisiert. Um 18Uhr sind wieder Demonstrationszüge aus vielen barcelonesischen Vierteln geplant, die sich gegen 19Uhr zu einer großen Demonstration an der Placa de la Universitat vereinigen sollen.

Angesicht der großen Solidaritätswelle die das Can Vies in ganz Katalonien und auch darüber hinaus erfährt gibt sich der Bürgermeister Trias gesprächsbereit – jedenfalls unter der Bedingung das die Gewalt erst aufhören müsse. Das er damit selbstverständlich nicht die strukturelle Gewalt der kapitalistischen Verhältnisse und auch nicht die Gewalt der Repressionsorgane meint, denen er sogar seine volle Unterstützung ausgesprochen hat, ist klar. Angesicht dessen dass das Can Vies bereits geräumt und teilweise zerstört wurde, ist dieses Verhandlungsangebot nichts weiter als blanker Hohn und zeigt, das er dadurch hofft der Protestwelle Wind aus den Segeln zu nehmen.

Auch am 6. Tag nach der Räumung des 17 Jahre besetzen Can Vies, reißen die Proteste in Barcelona nicht ab. Täglich gibt es in Katalunien und darüber hinaus Solibekundungen, Aktionen, Demonstrationen u.v.m. . Trotz mindestens 200 verletzten Menschen, über 60 Verhafteten und einem der im Knast bleiben muss, finden die Unterstützer_innen von Can Vies kreativ neue Wege ihrer Trauer und Wut freien Lauf zu lassen.

Am Samstag morgen versammelten sich ca. 1000 Menschen unter dem Motto „Reconstruim Can Vies“ – Bauen wir Can Vies bei den Resten des Hauses in Sants. Nachdem der verkohlte Bagger mit Blumen und Transpis geschmückt wurde, begann man damit den Worten Taten folgen zu lassen. Steine wurden aus den Trümmern heraus gesammelt, der alte Mörtel und Zement abgeklopft und fein säuberlich gestapelt. Dazu wurde noch frischer Zement und viele andere nützliche Dinge herbeigebracht, um das Sozialzentrum wieder zu errichten. Weiterhin wurde eine ca. einen halben Kilometer lange Menschenkette gebildet, um ein Teil des Schutts, als symbolischen Akt, direkt vor dem Bezirksrathaus abzulegen. Dieser kreative Schachzug bringt nicht nur die Can Vies positiv gesonnenen Menschen zum lächeln, sondern lässt selbst die rechtskonservativen Blättern wie La Vanguardia keine Chance, die Proteste (an diesem Morgen) zu diskreditieren.

Für den Abend war zu mehreren Punkten in Barcelona dazu aufgerufen sich zu versammeln um zum Plaça Universitat zu gehen, um von dort aus gemeinsam durch die Stadt zu ziehen. Dem Aufruf folgen nach Angaben der „ Veranstalter_innen“ bis zu 20. 000 Menschen. Um ca. 20 Uhr setzte sich diese in Bewegung. Nach ca. einer Stunde wurde die Demo auf der La Rambla, DER Touri- und Shoppingmeile Barcelonas, von einem den Bullen gestoppt, der Proteste hier wohl nicht in den Kram passten. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. So wurden ein paar Container und ein Auto angezündet. Was genau danach passierte, wird wohl erst im Laufe des Sonntags klar werden. Bei Twitter ist von bis zu 14 Festnahmen die Rede, wobei auf den Bildern zu sehen ist, dass einige von diesen auf das Konto von vermummten Zivi-riot-cops gehen. Weiterhin wurde eine Gruppe von ca. 200 Demonstrant_innen eingekesselt und durfte erst nach Abgabe ihrer Personalien gehen.

Was die Medien noch verschweigen, aber vielen klar sein sollte, ist das die Unzufriedenheit der Demonstrant_innen nicht nur aufgrund der Räumung vorhanden ist. U.a. die Auswirkungen der „Krise“, die Kürzungen, Korruptionsvorwürfe oder brutale Bulleneinsätze (der Polizeichef der katalanischen Polizei ist am Montag zurückgetreten; er ist u.a. für das häufige brutale und eskalierende vorgehen der Bullen verantwortlich) sind nur einige der Punkte, die die Leute auf die Straße treiben. Wenn dann eine Stadtregierung auf die Idee kommt ein seit Jahren existierendes,, agierendes und stark vernetztes Sozialzentrum zu räumen, um dort eine Grünfläche hinzusetzen(!), ist es kein Wunder, dass die Leute die Schnauze voll haben und ihre Wut raus lassen.

Für Sonntag ist Wiederaufnahme der Wiederherstellung von Can Vies geplant. Mit Sicherheit wird dies nicht das letzte sein, was aus Barcelona zu hören sein wird.

Si ens toquen a una, ens toquen a totes!!!
Greifen sie einen an, treffen sie uns Alle!!!